Missverständnisse in der Freiarbeit


(Ein Artikel von Arien Aguilar und Saskia Limbeck)

Die Freiarbeit ist eine Form der Bodenarbeit, bei der die Kommunikation zwischen Pferd und Mensch einzig über die Körpersprache stattfindet. Es bleiben weder Halfter noch Seil zur Korrektur, sondern nur das ehrliche Feedback des Pferdes auf die vom Mensch gesendeten Signale.
Diese Reduktion der Hilfsmittel auf ein Minimum ermöglichen einerseits feinste Kommunikation und das Gefühl von Verbindung in Freiheit, führen aber andererseits auch häufig zu Missverständnissen zwischen Pferd und Mensch.

Ob Konzentration, Spiel & Spaß oder Aggression. Das Ohrenspiel der Pferde kann schnell zu Missverständnissen führen.
Ob Konzentration, Spiel & Spaß oder Aggression. Das Ohrenspiel der Pferde kann schnell zu Missverständnissen führen.


Missverständnisse basieren auf missverstandener Kommunikation und können auf beiden Seiten entstehen. Entweder der Mensch missversteht die Signale des Pferdes oder das Pferd die des Menschen.
Wir Menschen denken oft, die Sprache der Pferde sei simpel und leicht zu verstehen.
Eine Art Alphabet, aus dem wir ganz einfach eine Sprache bilden und ablesen können. Wir glauben daher auch, die Gestik der Pferde genau deuten und so ihren Gemütszustand ablesen zu können.

„Ohren nach vorne heißt, das Pferd ist freundlich, Ohren nach hinten heißt, es ist böse.“

So einfach ist es allerdings nicht!
Die Ausdrücke der Pferde sind viel komplexer. So wie auch beim Menschen kann jeder Gesichtsausdruck viele verschiedene Bedeutungen haben.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Kommunikation haben dabei auch die Charaktere von Mensch und Pferd.
Pferde mit expressivem Charakter sind meist in ihrer Mimik und Gestik schwieriger zu interpretieren, denn sie folgen keinem Schema und wechseln ihren Ausdruck sehr schnell. Während einer Übung alternieren sie häufig zwischen verschiedenen Ausdrücken mit unterschiedlichsten Bedeutungen.
Bei ruhigeren Pferden mit einem niedrigeren Energielevel ist es einfacher, den Gesichtsausdruck zu interpretieren, weil er sich nicht so schnell verändert. So kann man leichter sagen, ob das Pferd nun gerade Angst hat, gestresst ist oder sich wohl fühlt.

Der Charakter des Pferdes spielt also eine große Rolle darin, ob Missverständnisse entstehen oder nicht. Genauso beeinflussend sind aber auch Charakter und Temperament des Menschen auf die Effizienz der Kommunikation.
Hektische und nervöse Menschen, die dem Pferd bereits von vornherein mit einer relativ hohen Grundspannung entgegentreten, senden mehr Signale, die das Pferd verarbeiten muss als ruhigere.
Schickt aber ein ruhiger Mensch aus seiner Sicht sehr viel Energie zum Pferd, so ist das für ein Pferd mit einem hohen Grundenergielevel vielleicht trotzdem noch zu wenig.
Es ist also insgesamt wichtig darauf zu achten, dass eine energetische Balance zwischen Mensch und Pferd herrscht, damit eine positive Kommunikation auf beiden Seiten stattfinden kann.

Ein weiterer bedeutender Aspekt in der Freiarbeit ist die Freiwilligkeit. Wie können wir es schaffen, dass das Pferd freiwillig mitmacht und gleichzeitig Freude daran hat?

Natürlich gibt es immer Pferde, die schneller freiwillig mitmachen als andere. Das ist der Punkt, an dem man merkt, welches Pferd zu welchem Menschen passt und ob die Beziehung bereits im Gleichgewicht ist.

Es gibt aber auch Pferde, die den Menschen zunächst testen und andere Dinge tun als die geforderten, um zu überprüfen, wie sehr der Mensch die Ausführung der Übung wirklich will.
Aus der Sicht des Pferdes ist es nicht leicht zu verstehen, warum es das alles machen soll, wonach der Mensch es fragt. Denn für das Pferd gibt es keinen logischen Grund, der dafür spricht. Es braucht diese Dinge nicht zum Überleben.
Es wird also testen und sagen: „Wenn ich das alles für dich machen soll, dann musst du mir zeigen, wieso!“
Das ist der Moment, in dem das Pferd, auch wenn es weiß, was wir von ihm wollen, eine Bestätigung von uns einfordert. Das ist unsere Chance zu überzeugen!
Leider ist das auch genau der Moment, in dem viele Menschen aufgeben, weil sie beginnen zu zweifeln.
- Mache ich etwas falsch?
- Oder will mein Pferd das vielleicht einfach nicht machen?
Ein klassisches Missverständnis ist entstanden, das mit ein wenig Nachdruck (!) leicht gelöst wäre.

Nachdruck oder auch Druck ist heutzutage ein umstrittenes und großes Thema, denn jeder ist bestrebt danach möglichst wenig, am besten gar keinen, auszuüben.
Aber irgendwann kommt ein Moment, indem wir aus dem Gleichgewicht kommen, weil wir zu wenig Druck benutzen.

Druck ist nicht gleich Druck!

Der Fehler liegt darin, Druck immer nur als negativ zu sehen, denn Druck kann auch Positives bewirken. Druck kann uns dazu bringen, unsere Leistung zu steigern und Dinge zu tun, die besser für uns und das Pferd sein können.

Es gibt verschiedene Arten von Druck:
- Physischen, den ich mit meinem Körper ausüben kann,
- Verbalen, den ich mit meiner Stimme aufbauen kann,
- Psychischen, den ich mental ausüben kann.

Das Ziel von Druck sollte es sein, dass das Pferd sich ihn selbst macht, um mit uns gut zusammenzuarbeiten.
Das kann eine sehr positive Art von Druck sein. Wie zum Beispiel bei einem Kind, dem die Eltern beibringen, zielstrebig und respektvoll zu sein, sodass es letztlich nicht glücklich ist, wenn es jemanden nicht respektvoll behandelt hat. Es ist also eine Art Selbstdruck. In diesem Fall ist Druck entgegen jedem Vorurteil eine gute Sache.

Wenn ich beispielsweise während einer Übung etwas Druck auf mein Pferd ausübe und es dabei die Ohren anlegt, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass der Druck schlecht ist, sondern dass er eine gewisse Konzentration vom Pferd fordert.
Ein sehr bedeutsamer Unterschied!

Das größte Missverständnis in der Freiarbeit entsteht daher, wenn das Pferd konzentriert schaut und dabei vielleicht sogar noch seine Ohren anlegt.
Ein konzentriertes Pferd wird hierbei oftmals mit einem aggressiven oder ängstlichen verwechselt.
Wichtig sind daher Intensität und Timing des Druckeinsatzes in unserer Arbeit, denn Druck ist eine Form von Energie.
Um auf das oben genannte Beispiel zurückzukommen, kann ich also genauso gut sagen, wenn ich Energie sende, nimmt das Pferd die Ohren zurück. Das heißt, das Pferd konzentriert sich auf die Aufgabe, die ihm gestellt wurde.

Genauso ist es auch, wenn ich einem Menschen eine schwere Frage stelle, für deren Antwort er nachdenken muss. Dann macht er einen Gesichtsausdruck, der nicht komplett friedlich ist, weil er sich konzentrieren muss.
So schnell wird also eine Geste der Konzentration mit einer Drohgebärde verwechselt bzw. missinterpretiert.

Häufig entstehen auch Missverständnisse, wenn das Pferd plötzlich überschüssige Energie loswerden möchte und sich explosiv bewegt.
Teilweise äußert sich das im Austreten, Buckeln, Kopf schlagen, Losrennen oder ähnlichem. Dabei sind die Pferde nicht immer aggressiv oder negativ gegenüber dem Menschen eingestellt, sondern wollen manchmal einfach nur spielen oder ihre Energie rauslassen.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass es gut ist, dass sie das machen, aber es wird oft falsch gedeutet und dann leider oft auch zu hart bestraft.

Für viele wird sich nun die Frage stellen, woran ich denn nun den Unterschied erkenne, ob mein Pferd sich konzentriert oder mir droht.
Dafür muss ich in der Lage sein, alle verschiedenen Einflüsse zu kombinieren.

- Was ist gerade passiert?
- Welche Veränderungen gab es im Umfeld?
- Was ist mit mir passiert?
- Was ist mit meinem Pferd passiert?

Wenn ich dann die Antworten auf diese Fragen alle kombiniere, kann ich sagen „Ok, das Pferd ist zufrieden“ oder „Das Pferd hat die Ohren nach vorne genommen, weil es Angst hat vor etwas, das sich vor ihm befindet“.
Das ist auch ein wichtiger Punkt, der meistens außer Acht gelassen wird.
Die Ohren zeigen die Richtung der Aufmerksamkeit an. Wenn das Pferd also einfach ein Geräusch im Hintergrund hört oder Energie von hinten empfängt, wird es seine Ohren nach hinten nehmen, ohne etwas Böses zu bezwecken.

Die genaue Interpretation der Pferdesprache ist sehr schwierig und komplex.
Um also besser beurteilen zu können, was das Pferd uns sagen will, sollten wir nicht nur nach den Ohren, sondern nach der Gesamtheit der Indizien schauen. Die Gesichtsmuskeln, die Körpermuskeln, die Ohren, der Gesamteindruck.
Manchmal sind Pferde mit ihren Körper- und Gesichtsmuskeln ganz entspannt und haben trotzdem die Ohren hinten. Wenn das Pferd aber mit allen Muskeln angespannt ist und die Ohren gehen dann nach hinten, dann könnte es sein, dass etwas Schlechtes passiert ist.
Haben wir aber eine Übung abgefragt, die doch etwas mehr Energie braucht, dann könnte es sein, dass der Körper angespannt ist, die Ohren hinten sind und es trotzdem nicht negativ ist.

Da ist wieder der Punkt, weshalb die Sprache der Pferde nicht so einfach zu deuten ist und man nicht sagen kann „Ohren nach vorne heißt freundlich, Ohren nach hinten heißt unfreundlich“.
Wir müssen viel ganzheitlicher schauen, den Gesamteindruck beurteilen und trotzdem wird es immer noch schwierig, eindeutige Antworten zu bekommen.

Um Missverständnisse in der Arbeit mit unseren Pferden zu vermeiden gilt es, die Aufmerksamkeit für die Sprache der Pferde zu schulen.
Zunächst müssen wir mit uns in Balance sein. Wir müssen verstehen, dass es nicht immer nur A oder B gibt, sondern jedes Pferd individuell ist. Dazu sollten wir uns weiterbilden und von anderen lernen in Form von Büchern, Zeitschriften, Kursen, Fortbildungen, Demonstrationen, etc.
Dabei müssen wir beachten, dass jedes Input auch seine Fehler hat, denn es sind immer nur die Ideen einer Person und nicht eine allgemeine Antwort auf unsere Fragen. Wir sollten uns daher die interessanten Aspekte raussuchen und uns dann unsere eigene Meinung und einen eigenen Ideenpool kreieren.

Mithilfe des angesammelten Wissens muss nun das eigene Gespür und Feingefühl geschult werden. Denn das kann man nicht aus Büchern oder von Lehrmeistern lernen. Wir müssen einfach immer nach Weiterentwicklung streben und alle Dinge ausprobieren, die uns begegnen.
Feingefühl und Sensibilität bekommt man nicht von der Natur geschenkt, das muss sich entwickeln. Mit der Zeit wird man immer mehr davon wissen, was das Pferd denkt oder fühlt.


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